Ein Gastbeitrag von Judith Rinklebe und Carla Hegnon

»Wie spricht man* über Geld?« fragen wir verlegen in die Zoom-Konferenz, als es um unsere eigenen Honorare, also die der künstlerischen Leitung von PROSANOVA 2020 geht. In den vergangenen Monaten haben wir mit den unterschiedlichsten Personen und Akteur*innen des Betriebs über Geld gesprochen. Wir haben kein Uni-Seminar und keine Weiterbildung dazu besucht. Daher sind wir ziemlich geübt im Bluffen und gleichzeitig selbstbewusster und verhandlungssicherer, auch weil wir immer mehr erkannt haben, in welchen Strukturen wir uns mit unserer Projektarbeit bewegen. Wir saßen an Schreibtischen von potenziellen Förder*innen, von der Stadt Hildesheim, der Universität, unserer Bank, unserem Steuerberater und hatten das Finanzamt am Telefon. Wir haben intern und mit unseren Autor*innen über deren Honorare diskutiert und sprechen nun zu guter Letzt über unsere eigenen Honorare. Von außen mag man* vielleicht meinen, wir haben einfach ein Jahr lang Bücher gelesen und Autor*innen ausgewählt, aber die sortierten Akten bekommen nur die wenigsten zu Gesicht.

Wie spricht man* teamintern über Geld und die Wertschätzung ehrenamtlicher Arbeit?

PROSANOVA wird vom gemeinnützigen Verein BELLA triste getragen und ehrenamtliche Arbeit wird finanziell in den wenigsten Fällen entschädigt. Wir haben uns dazu entschieden das Festival mit dem Wissen um Selbstausbeutung und einem hohem Zeitaufwand zu organisieren, waren uns aber darüber einig, auch unsere Arbeit mit einem Honorar zu anzuerkennen. Viel zu oft wird zuerst bei den eigenen Veranstalter*innen-Honoraren gekürzt, wenn es an anderer Stelle knapp wird. Im Kosten- und Finanzierungsplan steht ein Betrag, den alle von der künstlerischen Leitung bekommen sollen und der zum Glück auch realisierbar scheint. Dieser Betrag rechnet sich von Januar bis Juli 2020 für 40 Stunden pro Woche. In Wahrheit – und das wissen auch alle Förder*innen , weil es die Regel ist in der Kulturförderung – arbeiten wir aber schon seit Januar 2019 für das PROSANOVA und werden auch nach Juli 2020 nicht fertig sein. Einige von uns werden wohl erst im Winter 2020/21 mit dem Projekt abschließen.

Wie macht  man* das also mit der Teaminternen Geldverteilung? Es wäre eine Option, die Aufwandsentschädigungen nach individueller ökonomischer Situation zu verteilen: Drei Personen aus der künstlerischen Leitung sind finanziell darauf angewiesen, ihr Leben neben dem Studium durch Lohnarbeit zu finanzieren, und drei Personen können sich auf das Projekt und ihr Studium konzentrieren. Trotzdem fühlt es sich komisch und schief an, uns unterschiedlich für die Arbeit zu bezahlen, in die wir alle gleichermaßen viel Herzblut und Zeit gesteckt haben, aber es wäre ein Modell gewesen, dem liberalen System ein Schnippchen zu schlagen.

Was wir uns dabei immer wieder fragen ist: Für wen ist diese 1,5 Jahre andauernde ehrenamtliche Projektarbeit, die den Umfang eines Vollzeitjobs neben dem Studium hat, nicht in Frage gekommen, weil es ökonomisch nicht zu stemmen wäre? Insbesondere im Kunst- und Kultursektor sind ehrenamtliche Arbeit und unbezahlte Praktikumsstellen selbstverständlich und teilweise sogar Voraussetzung für Stipendien, Praktika oder Arbeitsstellen. Gleichzeitig wird die ehrenamtliche Arbeit, die sehr viele Studierende leisten, im Vergleich zu Hochschulpolitik, vom BAföG-Amt bei einer möglichen Verlängerung der Studienfinanzierung nach der Regelstudienzeit nicht berücksichtigt. Viele potenziell Interessierte werden aufgrund ihrer sozio-ökonomischen Umstände ausgeschlossen, auch Teil solcher öffentlichkeitswirksamen Projekte zu werden, die den weiteren Werdegang bestimmen können.

Wie spricht man* über Geld mit Künstler*innen?

In unserem Kosten- und Finanzierungsplan sowie in unserer Einladung an die Autor*innen, die meistens durch die Verlage übermittelt wurden, haben wir geschrieben, dass wir uns für die Lesehonorare an die Empfehlung durch Ver.di halten (sprich 300€). Je nach Formatanzahl wird dieses höher gestaffelt. Die freudigen Zusagen trudelten ein und erst in der weiteren Kommunikation mit den Autor*innen, mitunter sogar erst nach der Produktion ihrer PROSANOVA-Formatinhalte, erhielten wir Nachfragen, wie wir diese Arbeit eigentlich entlohnen würden. Dies offenbart uns eine schon erahnte Entlohnungskultur innerhalb des Betriebs, in der kreative Arbeit weder von den Akteur*innen, die sich als fördernd verstehen, angemessen ernst genommen und finanziell wertgeschätzt wird, noch von den Autor*innen selbst Grundsätze vorhanden sind, nach denen das eigene Honorar ausgehandelt wird. Die Verlage die an dieser Stelle als vermittelnde Instanz agieren und mit uns über die eigenen Autor*innen verhandeln könnten, überlassen dies den Autor*innen selbst und bläuen insbesondere Debütant*innen ein, alle Anfragen, unabhängig vom Honorar, anzunehmen. So können auch Veranstaltungsprogramme von Buchhandlungen bestehen bleiben, die sich mit zahlreichen Preisen einen Namen gemacht haben und sich die Förderung von Debütant*innen auf die Fahne schreiben, diese aber nicht entlohnen möchten. Wer unentgeltliche Lesungsangebote nicht annehmen möchte, für den finden die Veranstaltenden ohne große Probleme einen Autor*innen-Ersatz, der*die nicht so zimperlich und prinzipientreu ist.

Nachdem wir unsere Einladungen an die Autor*innen versendet hatten, mussten wir einer Autorin absagen, deren Lesungshonorar für uns leider nicht finanziell tragbar war. Bei uns im Programm ist letztendlich nur ein Autor – ein männlicher, by the way –, der mit uns in eine Verhandlung über sein Honorar getreten ist.

Wie spricht man* über Geld mit Menschen, die das jeden Tag machen und strategische Interessen verfolgen?

Bei all dem schwingt auch mit, dass wir in diesem Beitrag gerne komplett die Karten auf den Tisch legen würden, aber als ehrenamtlicher Verein, der sich von Fördergeldern finanziert, sind wir nicht gänzlich unabhängig. Wenn wir mit diesem Text Förder*innen vergraulen, wirkt sich das auf die nachfolgenden Generationen aus, die den Verein und somit die BELLA triste und auch das PROSANOVA übernehmen werden. Auch unsere Abschlüsse an der Uni stehen noch aus, auch da sind wir Teil einer Hierarchie. Strategische Entscheidungen sind notwendig um eine nachhaltige Förder*innen-Beziehungen zu knüpfen und aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig haben wir uns in den vergangenen Monaten immer wieder in Situationen wiedergefunden in denen der mittlerweile recht etablierte Status von PROSANOVA ernst genommen wurde, wir als Verhandlungs-Partnerinnen allerdings nicht. Damit ging oft eine Instrumentalisierung unseres kulturellen Engagements für größere Zusammenhänge einher.


Carla Hegnon
Foto: © Salma Jaber

Carla Hegnon, aufgewachsen in Berlin, studiert seit Oktober 2018 Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim. Erste journalistische Tätigkeiten übernahm sie als freie Autorin für den Tagesspiegel und als Teil der Redaktion von DT Welt, dem Blog des Jungen Deutschen Theaters. Sie war Praktikantin bei dem ARTE Magazin und in der Lokalredaktion des Tagesspiegels. In der Spielzeit 2017/18 unterstützte sie im Rahmen eines FSJ Kultur die Schauspieldramaturgie des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin, wo sie Produktionen als Regie-und Dramaturgiehospitantin begleitete und das Theaterprojekt SHOWDOWN: FREIHEIT ODER SICHERHEIT auf der Studiobühne realisierte. Sie ist Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung. Bei PROSANOVA 2020 ist sie verantwortlich für die Ressorts Infrastruktur und Finanzen.

Judith Rinklebe
Foto: © Salma Jaber

Judith Rinklebe, geb. in Berlin, studiert seit Oktober 2018 Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim. Sie war Herausgeberin und Autorin des mit der Goldenen Göre ausgezeichneten und für den Clara-Zetkin-Preis für herausragenden Leistungen von Frauen in Gesellschaft und Politik nominierten Projektes Mädchenjahreskalender. Als Festivalreporterin schrieb sie für die Jungen Journalisten der Berlinale, den Festivalblog der Berliner Festspiele und als freie Autorin für den Tagesspiegel und den Fluter. Sie führte Vermittlungsprogramme für Kinder und Jugendliche zu Literatur und jüdischer Geschichte im Rahmen ihres Freiwilligendienstes im Jüdischen Historischen Museum Amsterdam, den Nordischen Botschaften Berlin und dem MACHmit! Museum für Kinder in Berlin durch. Sie ist außerdem seit 2018 Betreuerin der Kinderjury der Berlinale. Bei PROSANOVA 2020 ist sie für die Bereiche Finanzen und Künstler*innenbetreuung zuständig.


Alle Infos zum PROSANOVA 2020 (11. – 14. Juni) findet ihr hier, Tickets gibt’s dort ebenfalls sowie das Online-Programm im Überblick.