Ein Ehepaar in den 50ern und ein zu allem immer nur nickender Vater unterwegs in einem Wohnmobil durch Norwegen – willkommen in Lina Schwenks Kammerspiel der schwelenden Konflikte.

Das Grundsetting in Lina Schwenks Text Vaterliebe ist gleich klar: Ein Paar ist unterwegs im Wohnwagen, sammelt den Schwiegervater Joris ein und erfährt, dass dieser einfach so sein Haus verkauft hat und jetzt ein Hotel in Norwegen kaufen will. Nicht unbedingt der Beginn eines friedlichen Roadtrips durch die sommerliche Landschaft; sondern vielmehr, wie Lina Schwenks Performance im Folgenden beweist, ein drückend-komisches Kammerspiel voller kollidierender Charaktere, die das Unausgesprochene untereinander zusammenhält.

Paul liebt seinen Vater. Er holt ihn alle zwei Wochen zu uns und setzt ihn an den Küchentisch, baut kleine Olivenberge vor ihm auf und freut sich, wenn es ihm schmeckt, egal, wie viel er dabei trinkt. Wir bleiben in der Gegend. Nicht weiter als eine Autostunde entfernt, und das Einzige, was ich tun kann, ist nicht abzuheben, wenn er anruft.

Die Nachricht des Vaters ist ein Schock, der kurzerhand mit einer Tee-Pause am Straßenrand verarbeitet werden muss: War doch das Ackern und Leben in Richtung mehr Raum und häuslicher Sicherheit für die ganze Familie das, was das Ehepaar die letzten Jahre aneinanderband. Während der Ehemann zetert, sinniert die Frau vor sich hin. Analysiert, schweift ab in die Vergangenheit, beobachtet die Gesichter ihres Mannes und des Schwiegervaters, ordnet ein und bietet uns Zuhörenden ein wenig Orientierung in den familiären Wirrungen dieser drei Leben. Andeutungen einer Flucht aus dem Krieg, einer Fehlentscheidung für die Familie, die Wege der eigenen Kinder vage miteingewoben. Sie selbst scheint der verlorenen Chance vom Haus nicht hinterherzutrauern, zu sehr gewachsen ist die Liebe zum Wohnmobil, das Reisefreiheit verspricht. Ein Hauch von früher, unterwegs und flexibel sein, so wie beim Kennenlernen in Bangkok. Kurze Zeit später entpuppt sich das vermeintliche Hotel als private Pflegeeinrichtung. Und Joris scheinbar ein angemeldeter Patient – oder ist alles nur ein großes Missverständnis? 

Als müssten sich die Worte erst neu ordnen, wenn die beiden Männer aufeinander treffen. Wenn ich etwas sage, ruckelt der gerade in Fahrt gekommene Zug. […] Für die paar Tage kann ich eine ruhige Frau sein, die eben neben diesem Zug herfährt. Bis Paul dann wieder bei mir einsteigt und mir viele Küsse an vielen Stellen gibt. Nichts geht über Familie.

Vaterliebe nimmt an richtigen Stellen Fahrt auf, bremst ab und wird langsamer. Lässt den Lesenden Zeit, auch mal nach draußen zu blicken, bevor der Fokus wieder in die erhitzte kleine Welt im Wohnwagen schießt. In diese kleine toxische Kapsel namens Familie, die alles bedeutet, alles bestimmt und fest aneinanderklebt, die sich aber auch immer wieder lösen will. Lina Schwenk schreibt gekonnt über glaubhafte Figuren, auch wenn der Text erahnen lässt, dass da noch mehr ist. Man hat fast das Gefühl, dass in einem verhältnismäßig kurzen Text eine Vielzahl an Themen reinpassen sollte, die mehr Raum brauchen. Wie geht es weiter? Das überlässt Lina Schwenk mit einem gelungenen, offenen Ende der blühenden Fantasie des Publikums.