Wie wählt man aus 500 Einsendungen 17 Texte aus? Diese Frage können uns in diesem Jahr nur diese Lektor:innen beantworten: Angelika Klammer, Andrea Schmidt, Jacob Teich, Hans Jürgen Balmes, Jörn Dege, David Frühauf und Anna Humbert. Vor der lang ersehnten Preisverleihung gibt der Sprecher der Vorjury, Jacob Teich, den Autor:innen und uns allen noch einige Impulse mit auf den Weg.


»Die Rede hat eine Überschrift, die Überschrift: Keine gute Rede für den richtigen Anlass. Da geht das Problem schon los.

Schon einmal bin ich in die Verlegenheit geraten, eine Rede zu halten. Ich weiß nicht mehr genau, wie es dazu kam, aber ich glaube, ich habe mich sogar freiwillig dafür gemeldet – manche Dinge ändern sich scheinbar nie. Es war eine Rede zum Abschluss dessen, was inzwischen Bundesfreiwilligendienst heißt und immerhin trug ich die Last nicht allein auf meinen Schultern, eine andere Seele stand mir bei. Also machten wir uns daran, eine Rede zu verfassen. Am Tag, an dem wir die Rede halten sollten; das scheint heute immer noch so bzw. ganz ähnlich zu sein.

Wir schlossen uns damals in das Büro einer weiteren dritten armen Seele ein, die vorgab, nebenher zu arbeiten, aber brachten außer dem üblichen Liebe Eltern, liebe Großeltern, Verwandte und Freunde und so weiter nichts zu Papier. Kurz: Wir waren aufgeschmissen. Bis eine Kollegin der dritten armen Seele vorbeischaute und, eine Stunde bevor wir aufbrechen mussten, zu uns meinte, dass die beste Rede, die sie je gehört hatte, eine war, die den Anlass völlig verfehlt hatte. Um dann damit zu schließen, dass es zahlreiche gute Reden gäbe, der Anlass aber häufig der falsche sei. Wir klauten diesen Kunstgriff einfach und kopierten die erstbeste Rede, die wir im Netz finden konnten und die uns zudem, glücklicherweise könnte man sagen, völlig unpassend erschien. Die Komik der Situation war, Gott sei Dank, auf unserer Seite, alle freuten sich, bekamen ein Zertifikat und Blumen.

Wo wir zu den Unterschieden im Vergleich zu heute kommen.

Unterschied 1: Der 30. open mike ist der beste Anlass für eine gute Rede. Leider habe ich aber keine passende gefunden, sorry.

Unterschied 2: Es werden heute, gleich, nicht alle Blumen bekommen, obwohl unbedingt alle Blumen bekommen sollten. Vor allem wird mir beim Versuch, selbst etwas Sinnvolles zu Papier zu bringen, bzw. hier von mir zu geben, wieder klar, wie schwer es ist, überhaupt eine gute Seite Text hinzubekommen. Ein Gedanke, den ich meiner Kollegin Angelika Klammer entleihe, die ihn gestern Philipp Roth entlieh.

Eine gute Seite Text. Eine gute Seite Text, das ist etwas, das ihr, liebe Finalist:innen und Autor:innen des open mike mir weit voraus habt. Wir haben gestern und heute ganz unterschiedliche, ganz eigene Texte gehört, die aber alle beindruckend gute Seiten Text waren. Genauso beeindruckend, wie euer Mut, auf dieser Bühne zu lesen, eure Souveränität. Davor verbeuge ich mich im Namen der Vor-Jury. Vor den guten Seiten Text und eurem Mut. An dieser Stelle sieht meine Rede einen kurzen Zwischenapplaus vor.

Applaus!

Vielen Dank für zwei Tage voller knisternder Spannung und Konzentration, voller Literatur, Lyrik und Prosa und, wie gesagt, mit vielen guten Seiten Text und tollen Lesungen. Vielen Dank auch für die Organisation, dem Haus für Poesie, Saskia Warzecha und ihrem Team, Helfer:innen im Hintergrund und hier vor Ort, ohne die das Ganze so nicht möglich wäre.

Und auch, wenn ich also keine gute Rede für den richtigen Anlass habe, noch einmal: Der open mike wäre wirklich der richtige Anlass gewesen, aber manchmal ist halt der, der die Rede halten soll, der Falsche. Oder anders: Ihr habt euch selbst die beste aller Reden gehalten, mit euren Lesungen und neuen Texten. Von mir also kein Ratschlag. Lest bitte, lesen Sie, auch die Einleitung von Sandra Gugić in der open mike-Anthologie.

Von mir kein Tipp, keine Forderung an die nächste Generation, keine Kritik am Betrieb, kein Wunsch – heute nicht. Es gibt genug Dinge, genug Ismen und so weiter, die uns täglich politisch, im öffentlichen Diskurs und, daran glaube ich unbedingt, so eben auch in der Literatur begegnen. Und immer könnte es hier noch etwas mehr sein, da noch etwas besser gehen. In Klammern: Sagt der weiße Mann aus dem Betrieb mit Schnauzer selbstkritisch.

Aber diese Minuten sollen ganz euch gehören, alles andere kommt morgen wieder, kommt später. Und im Grunde ist das einzige und wichtigste, was ich die ganze Zeit sagen will: Glückwunsch. Glückwunsch euch siebzehn Lesenden, zu euren Auftritten und Lesungen. Ihr seid die, denen wir zugehört haben, denen wir zuhören sollten, denen wir zuhören werden. Vielen Dank dafür – vielen Dank euch allen.

Und: Weitermachen.«