Das Prosastück der 1988 geborenen Deniz Ohde widmet sich einer Familienkonstellation, die maßgeblich von weiblichen Figuren getragen wird. Dies geschieht in einer unaufgeregten Sprache, die sich an ihrem Gegenstand statt an ihrer selbst ausrichtet. Die Konzentration liegt auf der Innenschau einer Frau, die ihre Identität maßgeblich an familiäre Knotenpunkten knüpft und die Grundsituation ist derart aufgestellt, dass die Figur aus dem Jetzt heraus eine Rückschau auf die Beziehung zur Mutter unternimmt.

Sie ging in Richtung Friedhof, die Hauptstraße geradeaus weiter, bis links eine Seitenstraße auftauchte, eine Kastanienallee,  und auf das hölzerne Eingangstor zu. Die Kapelle befand sich rechter Hand. Die Mutter war seit zwei Tagen dahinter begraben.

In seiner knappen Einführung zu Ohde sagte der Lektor Anvar Cukoski, ihm habe insbesondere die konzentrierte und genaue Beobachtungsgabe der Autorin gefallen, ihr Verfahren, ohne Pointen ganz bei sich und ihrer Erzählerin zu sein. Tatsächlich vermeidet der Text jegliche Nebenwege und Abzweigungen. Stattdessen hat er zweierlei im Blick: erstens die Beziehung der 60-jährigen Protagonistin zur erst kürzlich verstorbenen Mutter, die von Helene gepflegt wurde. Stark sind hierbei jene Stellen, die das, was uns als Altersekel und Rentnerdasein anwidert, in alltäglicher Selbstverständlichkeit darbieten. Wie Mutter und Tochter gemeinsam die Hessenschau ansehen, wie sie die Füße in „milchig-gelbe pilztötende Lösung“.

Zweitens, und darauf scheinen Texte der Gegenwart strukturell nicht mehr verzichten zu können, wird diese Erinnerung immer wieder zurückgeholt in das Jetzt des Erzählens. Etwa die Hälfte ihrer Viertelstunde verwendet Ohde darauf, Naturschilderungen vorzubringen, die Helene bei ihrem Spaziergang zum Grab macht. Es ist die Rede von „Schiffchen aus Bast mit Osterglocken und Traubenhyazinthen“, „Kränze[n] mit langen, glänzend weißen Satinbändern“ und von „weißen Blüten des Baums […] im kalten Wind“. So entsteht Atmosphäre, auch wenn mir das konventionelle Gestöber dieser frühlingshaften Deco-Elemente vorkommt, als habe die Autorin sie einem Katalog  entnommen, unter der Rubrik: Trauer und Melancholie.

Dabei hat Arktisluft derlei Das-Depot-Schaufenster-Kitsch gar nicht nötig. Auch die ruhige und effektarme Lesung von Deniz Ohde trug dazu bei, diese Mutter-Tochter-Beziehung in ihrer erkalteten Nähe wahr- und ernstzunehmen. Dazu müssen keine „kleine Kügelchen aus Eis“ vom Himmel fallen.

 

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