Ich mag das, sehr sogar: diese Lust am funktionslosen Zusammenwerfen aller möglichen Erzählstile, Genres, Perspektiven und narrativen Strukturen. Der Beitrag von Rudi Nuss ist ein Fest für jene, die sich assoziativ oder intertextuell austoben möchten: Es kommen Kollektive vor, die sich durch permanente Orgasmen gen Ewigkeit ficken – hallo, Leif Randt und Planet Magnon. Es kommen merkwürdige, womöglich extraterrestrische Phänomene in Wäldern vor – hallo, Stranger Things. Es kommen erzählerische Willkürlichkeiten und Blackouts vor – hallo, Jakob Nolte und Alff. Es kommen wundersame Regionalkrimi-Plattitüden vor – hallo, halbe SPIEGEL-Bestseller-Liste.

Nach dem ersten Block ohne einen einzigen Lacher im mucksmäusigen Publikum wurde beim Eröffnungstext des zweiten Leseblocks zwar nicht geprustet, aber doch gekichert – ob dieser abgedrehten Geschichte um ein Loch, einen Mordfall und Kommissare, die noch viel kaputter sind als die ohnehin schon sehr kaputten Gestalten im Dortmunder Tatort:

Ano und Afrif küssen sich zum Klang minimalistischer Orgelmusik, während sie ihre Bäuche gegen
den zwischen ihnen liegenden Gymnastikball pressen, Sasha, als Einziger bekleidet in einem aquamarin-farbenden Kleid, reibt sich an einem großen Teddybären im Crop Top.

Wenn der Beitrag von Nuss an etwas leidet, dann ist es die Gefahr, sich nicht von seinen Ahnen Randt, Nolte & Co. lösen zu können. Auch die affirmative Hingabe an seine Obsessionen rund um Masturbation, Orgasmik und Lustkomplexe mögen die einen oder anderen als billige Provokation ablehnen. Es wäre jedenfalls ein Fest für Elke Heidenreich und ihre bornierte Biographik geworden („Es ist grauenhaft, dieses Buch. Es ist entsetzlich, es ist ein Albtraum, es zu lesen. […] Und wenn das ernst gemeint ist, dann hat die Autorin eine ernsthafte Störung.“) Aber was Heidenreich schlecht findet, verdient eigentlich das Prädikat „besonders lesenswert.“

Der Text ist mehr als nur aussagearmer Stuss, der sich an der eigenen Abgedrehtheit aufgeilt. Auch wenn er sich nicht einem sogenannten ‚relevanten Thema‘ widmet, so findet die schriftstellerische Lust doch zu einem produktiven Stil. Er dekliniert die Schräglagen unserer Zeit durch, nimmt alles zunächst sehr ernst, um es dann in seinen Textstrudel aus Konfetti, prähistorischen Kulturen, Orgasmen, Depressionen und galaktischen Merkwürdigkeiten zu stoßen.

 

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