Caren Jeß nimmt uns mit in die surreale Welt von Schloss Blutenburg. Was erwartet uns dort? Nichts. Die Suche nach einem Moment des Grusels enden mit jeder Strophe in enttäuschten Erwartungen.

Neulich nachts auf Schloss Blutenburg
ich hatte Gespenster erwartet.
Ich hatte blutende Gespenster erwartet.
Doch
da war nichts.

Es wirkt wie aus einem Albtraum: Egel, die sich an Waden festbeißen, ein gefräßiger Wolf; Wasser, das bis zu den Knien reicht, und was tun die Jogger? Ein betrunkener LKW-Fahrer? Albtraumwelten werden aufgebaut, aber der Grusel verhallt unerhört und wird stetig mit Momenten des Alltags und der absurdem Humor gebrochen. So entsteht ein ruhiger, um nicht zu sagen phlegmatischer Text, der um sich selbst und um das Warten kreist. Auf der Suche nach etwas, das selbst das lyrische Ich nicht zu wissen scheint.

Neulich nachts auf Schloss Blutenburg
ich hatte Gespenster erwartet.
Ich hatte verheißungsvolle Gespenster erwartet.
Doch
da war nichts.

Ich hatte starke Rhythmik erwartet, doch die erzählende Ballade wirkt vorgetragen wie ein Prosastück, mit einem subtilen und stetig steigernden Spannungsbogen. Die Wiederholung der ersten Zeilen, immer mit anderen Adjektiven versehen, erinnert an ein Mantra, an den hoffnungsvollen Gedanken, endlich den Fisch zu angeln, doch er gleitet immer wieder zurück in den Tümpel. In der erzählenden Ballade wird ein Spannungsbogen subtil und stetig aufgebaut – und endet doch immer wieder in Momenten absurden Humors.

Was können wir noch erwarten in einer Welt, in der alles möglich zu sein scheint? Grusel funktioniert nach bestimmten Techniken. Caren Jeß führt diese Techniken gelungen immer wieder ad absurdum. In der Vorstellung des Lektors Ulf Stolterfoht wird der Text als eine Mischung aus Hui Buh und John Sinclair vorgestellt. Das passt. Gelungener kann man die Suche und Sehnsucht nach Spannung sprachlich nicht inszenieren.