Am Anfang von Clara Cosima Wolffs Texten steht ein Inhaltsverzeichnis, das die Titel der einzelnen Gedichte als Sprachmaterial ausstellt und damit selbst schon als lyrische Arbeit fungiert. Um einen Zyklus handelt es sich im doppelten Sinne: einmal die Gruppierung von Texten, aber auch ein biologischer Kreislauf aus Entstehen und Zerfall, dem auf inhaltlicher Ebene nachgespürt wird.

Buchstaben legen sich umeinander in Zeilen aufgespalten
drücken sich tief in die Zellulosefasern
verharren dort verhalten
halten fest was da im Satze lebt

Clara Cosima Wolff bringt verschiedene Sammlungssysteme miteinander in Verbindung, wobei die Speicherung von Material stets in einen Verlust dessen mündet. Da sind die Bienen mit ihrem Honig, da sind stapelweise medizinische Daten auf Papier, durch die sich ein Silberfisch frisst. Das Thema Demenz ist dabei mal mehr, mal weniger subtil anwesend, denn das Ungeziefer macht auch vor den Speicherstätten des menschlichen Gehirns nicht Halt:

so verfrachtet die Masse das nackte Papier
packt alle Ansammlungen anstandslos aus
die Masse mag das, faltbares Altpapier

Adressat um Handschrift um Adresszeile um Schriftteile saugt die
Masse in Windeseile auf

Befund für Befund landen im Schlund
dieser lauernden Lauser die kauen
das kaum Brauchbare

aber auch das Kostbare, kurzum: alle Schreibware, Wanderung ins
Wesenlose

Gedächtnisauflösung.

Berührend sind Clara Cosima Wolffs Gedichte an den Stellen, an denen es ihr gelingt, einen warmherzigen, ja fast schon humorvollen Blick auf das Tragische zu etablieren. Der Verlust der Daten, auch jener des Gedächtnisses, wird nicht nur als etwas Schmerzliches, sondern auch als etwas Befreiendes empfunden. Diese Leichtigkeit wird auch in der Lesung spürbar, wenn die Autorin das Publikum über die rhythmisierten Textstellen segeln lässt oder diese in ein lustvolles Spiel mit dem Sprachmaterial verwickelt. Ein kleiner Wermutstropfen, dass das Inhaltsverzeichnis zu Beginn des Zyklus nicht mitgelesen wurde, hätte dieses doch einiges an performativem Potenzial geboten.

Wo Aktenberge sich türmten
                                         birgt sich nun ein auf at mendes
                                         Gähnen welches
                                         den Wandel weist

der das Leben           DER BÜROKREPIE ENTRISSEN

den Wesen                zurückerstattet
(die beinahe verrottet sich ad acta gelegt hatten)

Insgesamt wollen diese Texte sprachlich etwas zu viel, steigern sich zu sehr in das Experimentieren mit verschiedenen poetischen Formaten hinein. Hier eine Liste, dort eine eingeblendete Definition, die Schriftart wechselt, die Wortauswahl in einzelnen gereimten Passagen wirkt teilweise zu gewollt. Dass dem stellenweise eine gewisse Willkür unterliegt, wird auch in der Lesung deutlich, wo manche Eigenheiten des Schriftbildes nicht mitgelesen werden. Stark dann wiederum die Leerstellen, mit denen der Gedichtzyklus der Autorin endet, weil in diesem eine aktuelle politische Realität resoniert. Das Erinnern wird zur Unmöglichkeit, nicht nur weil die Daten im Kopf, sondern auch die Bienen im Verschwinden inbegriffen sind:

erinnere dich an Bienen
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Dass dieser Zyklus noch etwas unfertig wirkt, ist der Autorin nachzusehen. Immerhin geht es hier um junge Lyrik und der suchende Gestus geht meist dem Finden einer eigenen Stimme voraus.